18. Juni 2009 - 11:58 Uhr
Today, we reinvent the web - Ehrlich jetzt?

Today, we reinvent the web - Ehrlich jetzt?

In Tagen wie diesen wird ja viel vorgestellt, von dem die Hersteller glauben, es sei so revolutionär, dass es die Welt oder wenigstens Teile davon verändern wird. Doch kaum jemand kommt so vollmundig und beinahe schon gruselig selbstsicher daher, wie dieser Tage Opera Software, der Browserhersteller aus Norwegen. Von einer kompletten Neuerfindung des Web ist die Rede, Opera Boss Jon von Tetzchner legt sogar noch einen dickeren Scheit ins Feuer und verkündet, dass das neue Werk seiner Leute “für immer den fundamentalen Aufbau des Internet verändern” werde.
Trendpiraten sind per se skeptisch im Umgang mit stolzgeschwollenen PR-Meldungen und haben sich Opera Unite mal genauer angeschaut.

Opera Unite?

Zunächst einmal Antwort auf die Frage, was dieses vermeintliche Wunderding überhaupt ist: Opera Unite ist, auch wenn das lautstarke PR-Getrommel es ein bisschen übertönt, im Grunde nicht viel mehr als eine Erweiterung für den Browser Opera 10. Die Erweiterung wiederrum ist ein lokaler Webserver in Kombination mit einer Art DNS-Dienst, der dafür sorgt, dass der eigene Webserver immer unter einer festen Adresse erreichbar ist – sofern der Computer und Opera Unite laufen. Auf diesen Webserver setzen verschiedene Services auf, mit denen Nutzer ihre Daten direkt und ohne vorherigen Upload auf einen Server oder in eine Community anderen zur Verfügung stellen können – also all das, was man im Englischen so schön mit dem Verb “to share” zusammenfassen kann.

Äh, Revolution?

Ist das etwas Neues, gar Revolutionäres? Kein bischen: Schon seit Äonen kann sich jeder einen kostenlos erhältlichen Webserver auf seinem Windows-, Mac OS- oder Linux-Rechner installieren und – falls keine feste IP-Adresse vorhanden ist – durch Nutzung eines Dienstes wie DynDNS für fortwährende Erreichbarkeit des eigenen Webspace unter einer festen Adresse wie devilhatesstrawberries.dyndns.org sorgen. Nur war eben dies bisher etwas fummeliger und bedingte mitunter, dass man mal einen Blick in eine Kurzanleitung warf. Das macht Opera Unite besser.

Kann ich das auch?

Zur Nutzung genügt der Download des neuesten Browserwurfs aus den Opera Labs. Nach der Installation kann direkt losgesurft werden oder man klickt in der linken Toolbar auf das Opera Unite-Symbol. Zur Nutzung des Dienstes wird eine Opera Nutzer-ID vorausgesetzt. Hat man die nicht, kann man sich direkt registrieren und dort Nutzungsbedingungen zustimmen, die es in sich haben – doch dazu später mehr. Schon steht der Dienst zur Verfügung – kinderleicht.

Was kann das?

Über verschiedene Reiter können Dateien, Multimediastücke, Fotos und selbstgemachte Websites anderen zugänglich gemacht werden – entweder offen für alle oder nach der Eingabe eines selbst festgelegten Passworts, welches wiederrum individuell für jeden der genannten Inhaltskanäle eingerichtet werden kann. Damit die sozialen Kontakte nicht zu kurz kommen, gibt es noch die Dienste Fridge, eine Pinnwand, wo jeder freigegebene Freund seine Post-its hinterlassen kann (“Bitte denk morgen dran, mit Hose zum Präsentationstermin zu kommen!”), und ein eigener Chatraum mit dem Namen The Lounge. Entwickler sollen selber solche Services programmieren und anderen unentgeldlich zur Verfügung stellen können (Operas Software ist übrigens dennoch nicht Open Source).

Die Homeseite des Opera Unite-Services mit Übersicht, was der eigene Webserver gerade so anbietet.

Die Homeseite des Opera Unite-Services mit Übersicht, was der eigene Webserver gerade so anbietet.

Jeder mit Jedem?

Die vorgebliche Prämisse von Unite: Jeder tauscht Dateien und Informationen direkt mit von ihm ausgesuchten Personen. Opera CEO Tetzchner dazu in der Pressemitteilung der Opera Software ASA: “Opera Unite now decentralizes and democratizes the cloud.”
Das ist natürlich Stuss und nutzt nur das Buzzword Cloud Computing, um von den Fakten abzulenken. Denn: Alleine dadurch, dass man Opera Unite als Proxyserver nutzen muss und das eigene Angebot nur über eine Opera Unite-Adresse nach dem Muster http://notebook.mikelovesbeer.operaunite.com zu erreichen ist, wird das Wörtchen “Dezentralisierung” massiv beleidigt.

Freiheit ist eine Frage der Perspektive

Opera feiert in der Pressemitteilung die vermeintlich gewonnene Freiheit durch Unite. Doch wieviel Freiheit hat man noch, wenn man statt den üblichen Verdächtigen Google, Apple und Microsoft einem bislang eher Unverdächtigen dahingehend vertraut, dass a) der angebotene Dienst länger als ein paar Monate bestehen bleibt und b) kein Unfug mit den über den Opera Proxyserver geschickten, mitunter sehr privaten Daten geschieht? Denn Opera räumt sich mit den Nutzungsbedingungen, denen jeder, der Unite in Anspruch nehmen will, zustimmen muss, direkt mal uneingeschränkte Rechte am über Unite zur Verfügung gestellten Content ein. So lesen wir in den terms:

[...] We do not claim ownership of any User Generated Content. However, by submitting User Generated Content to us, you grant us and our affiliates the right and limited license to use, copy, display, perform, distribute and adapt this User Generated Content for the purpose of carrying out the Services. [...]

Rechte hat der, der sie macht

Irgendwie bedrückend. Warum erlangt der “dezentralisierte” Dienst aus Norwegen irgendwelche Rechte über meine geistigen Ergüsse wie zum Beispiel Texte, die ich als Autor meinem Verlag der Größe wegen nicht per E-Mail, sondern über meinen Mini-Server zur Verfügung stellen möchte? Oder ist das eine Überinterpretation der Bedingungen, will man sich nur die Rechte für die Datenpassage sichern? Auslegungssache…
User Generated Content wird von Opera in bewusster Abgrenzung zu dem Material gesehen, für das Nutzer kein eigenes Urheberrecht besitzt. Das Angebot von urheberrechtlich geschütztem Material ist – aus verständlichen Gründen – per se verboten und dürfte all denen, die Opera Unite als neue Offenbarung in Form eines ungestörten Peer to Peer-Dienstes zum Tauschen neuer Filme, Musik und Warez mit Kumpels oder Fremden erschien, das Lächeln schnell wieder aus dem Gesicht treiben.

Auch all jene, die ihre legal erworbenen Medien mit ihrer Familie “sharen” wollen, dürfen dies per se nicht – wodurch der Media Player-Dienst irgendwie für den Großteil der Menschheit sinnlos wird. Denn: Nur die wenigsten dürften ihre Festplatten mit eigenen musikalischen und filmischen Werken gefüllt haben.

Wir lernen aus dem oben zitierten Passus und weiteren Teilen der Nutzungsbedingungen, dass Opera seine “Cloud Server” auch dafür nutzen wird, um die Inhalte der Nutzer zu filtern. Einerseits muss man ja irgendwie urheberrechtlich geschütztes Material von User Generated Content trennen. Andererseits soll das angeblich demokratische, dezentralisierte Web im Web auch schön sauber bleiben. Im genauen Wortlaut:

[...] You agree not to use Opera Unite to upload, transfer or otherwise make available files, images, code, materials, or other information or content that is obscene, vulgar, hateful, threatening, or that violates any laws or third-party rights, hereunder but not limited to third-party intellectual property rights.[...] Opera Software ASA may at it’s discretion, block certain web sites or domains and re-route you to other pages. By accepting these Terms of Use, You hereby consent to this.

Auch wenn solche Passi notwendig sind, um sich gegen den Upload von z.B. kinderpornografischen Materialien zu schützen (bzw. um nicht als Betreiber in Mitverantwortung gezogen zu werden), impliziert dies, dass nur solche Inhalte mit Freunden getauscht werden können, deren Tonalität den Geschmack der nordischen Betreiber trifft. Eine schriftliche Abhandlung mit kritischer Betrachtung der neuen Opera-Browsererweiterung könnte dabei schon je nach Wortwahl als anstößig empfunden werden.

Braucht man das?

Kurzum: Ob man bereit ist, die Rechte an eigenen Werken nicht nur mit seinen Freunden, sondern auch mit Opera zu teilen (und dies nur wegen einer einfachen Installation und praktischen Einbettung direkt in den Browser), nun, das bleibt einem letzlich selbst überlassen. Auch, ob man eine solche “Neuerfindung des Web” überhaupt braucht. Technisch betrachtet bietet der Service wenig Neues, funktioniert aber weitestgehend rund – wenn man mal von mehreren Stunden Nichterreichbarkeit des noch im Beta befindlichen Dienstes im Testzeitraum absieht. Aber wahrscheinlich wollten einfach nur zu viele Menschen gleichzeitig die große Webrevolution kennenlernen.

P.S.: Operas wirklich schön geschriebene Pressemitteilung kann man übrigens hier nachlesen. Ein Leerstück für alle, die sich im Bereich PR und Textentwicklung professionalieren.

Geschrieben von AND \\ Tags: , , , , , , , ,

7 Kommentare zu “Angetestet: Opera Unite”

manolo sagt:

Klingt so, als würde diese proprieräte Erweiterung keiner brauchen. Aber immerhin darf man sich aussuchen ob man es nutzen will oder nicht. Und Opera dürfte das erreicht haben, was sie wollten, nämlich Aufmerksamkeit. So viel hat dieser Browserzwerg bestimmt noch nie gehabt. Laut Statistiken hat dieses Ding ja so gut wie keiner installiert, oder?

traopera sagt:

Wann gibts sowas als addon für firefox?

Rquermann sagt:

Ein Webserver im Browser, der nur bei eingeschlaltetem Rechner funktioniert? Erinnert mich an Rollschuhe für Pferde. Wuala und Co. sind wohl besser.
Die Bedingungen zum Copyright stehen irgendwo zwischen Bauernfang (sorry, liebe Argarökonomen) und Piraterie.
Ich probiers trotzdem mal aus, vielleicht bringt die Community ja schöne Anwendungen. Auf dem Lap unter Linux kann auch nicht viel passieren.

Technikwürze – Web Standards Podcast » Blog Archive » Technikwürze 138 – zensiert! sagt:

[...] Opera Unite mit viel heißer Luft um nichts veröffentlicht: Trendpiraten schreibt wieso [...]

simonnickel sagt:

Hm, ich habe den Term “User Generated Content” bisher immer als vom User erstellte Services und das “submitting to us” als hochladen in die Service-Area von Opera Unite verstanden.

Hab aber gerade diesen Absatz in der EULA gefunden:

“Opera Unite and Transmission and Receipt of Content: Certain features of the Software and Services, including Opera Unite, may allow you to post or send content and/or links to content stored on your computer, that can be viewed by others (“User Generated Content”).”

Also ist User Generated Content, doch alles was über Opera Unite zur Verfügung gestellt wird.

DonkeyKong sagt:

Dass sich Opera auf über Unite bereitgestellten Content sich uneingeschränkte Rechte einräumt stimmt nicht.
Uneingeschränkte Rechte räumt sich Opera nur für Content ein, der an sie übermittelt wird “…by submitting User Generated Content to us…” Damit sind Dateien gemeint, die z.B. auf My Opera (dem Pendant zu Facebook)oder Opera Widgets hochgeladen werden. Der Absatz “Certain features of these Services may allow you to post or send content that can be viewed by others (“User Generated Content”).” hat mit der Übertragung von Rechten an Opera nichts zu tun, man stimmt hier lediglich zu, dass man Opera nicht haftbar machen kann für Inhalt der von Dritten über einen Service von Opera, z.B. Unite verbreitet wird.

Außerdem gibt Opera in den FAQ (http://unite.opera.com/support/) eindeutig Auskunft auf die Frage:

Does Opera Software claim any rights over content on my computer?

“No, Opera Software does not claim any rights over the content on your computer. This is the fundamental basis of Opera Unite – your content and collaboration, under your control. The Terms and Conditions you agree to when you create an account are there to ensure a good online experience for all, including security and privacy. The clause that refers to “uploading” does not relate to content on your computer that you share using Opera Unite, as this content is not uploaded to Opera’s site. Go to My Opera to see the full Terms and Conditions.”

Filterung von Inhalt

Die Anmerkungen zur Filterung von Inhalt finde ich übertrieben. Opera räumt sich damit lediglich die Möglichkeit ein Inhalte die Gesetze und Rechte Dritter, sei es Urheberrechte oder Persönlichkeitsrechte, verletzen zu löschen. Berechtigte Kritik an Opera gehört nicht dazu, jedoch aber z.B. Rufschädigung.

“Sharen von Medien”

Unite ist in der Tat nicht dazu gedacht Mediendateien zu teilen, indem sie kopiert werden können. Der Media Player eröffnet einem nur die Möglichkeit seine Mediendateien, überall auf der Welt zu nutzen. D.h. wie eine CD kann ich mir die Musikdateien zusammen mit Freunden anhören oder sie ihnen quasi ausleihen, indem ich ihnen Zugriff auf meinen Rechner gebe. Kopieren ist natürlich nicht erlaubt.

DonkeyKong sagt:

Dass Opera sich an Content, der über Unite zur Verfügung gestellt wird, uneingeschränkte Rechte einräumt stimmt nicht. Rechte an von Nutzern generiertem Content räumt sich Opera nur ein sofern dieser an Opera übermittelt wurde: “…by submitting User Generated Content to us, you grant us the right and limited license to use,…“ Dies betrifft z.B. die Dienste My Opera (dem Pendant zu Facebook) oder die Opera Widgets Web site, u.a..
In den FAQ zu Unite gibt Opera explizit Antwort auf die Frage:
Does Opera Software claim any rights over content on my computer?

No, Opera Software does not claim any rights over the content on your computer. This is the fundamental basis of Opera Unite – your content and collaboration, under your control. The Terms and Conditions you agree to when you create an account are there to ensure a good online experience for all, including security and privacy. The clause that refers to “uploading” does not relate to content on your computer that you share using Opera Unite, as this content is not uploaded to Opera’s site. Go to My Opera to see the full Terms and Conditions.

Der Abschnitt: “Certain features of these Services may allow you to post or send content that can be viewed by others (“User Generated Content”).” bezieht sich lediglich darauf, dass man zustimmt, dass Opera nicht für User Content von Dritten haftet.

Filtern von Inhalten

Ich würde sagen Webseiten oder Inhalte werden nur gesperrt wenn Urheberrechte, Persönlichkeitsrechte oder weitere Gesetze verletzt werden. Kritische Meinungsäußerungen über Opera sind hiervon nicht betroffen, es sei denn es handelt sich um Rufschädigung.

Sharen von Medien

Hierzu ist zu sagen, dass der Media-Player natürlich nicht zum Austausch von Medien gedacht ist, er ermöglicht es einem aber überall auf der Welt seine Medien, die zu Hause auf dem Rechner gespeichert sind zu nutzen und gemeinsam mit Freunden anzuhören. Dadurch dass man eine Mediendatei gleichzeitig für mehrere Nutzer frei schalten kann, kann man quasi eine „CD“ legal gleichzeitig an mehrere Leute ausleihen.

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