05. Februar 2009 - 11:26 Uhr
Ist Google böse oder nur geschäftstüchtig?

Oder doch nur verdammt geschäftstüchtig?

Google testet auf US-Servern eine AJAX-basierte Version ihrer Suchmaschine – und in der Blog-Welt stehen die Zeichen auf Sturm. Warum? Kurz gesagt: Sollte Google dieses Feature tatsächlich flächendeckend zum Einsatz bringen, droht nicht nur den Anbietern von Webanalyse-Tools das Aus, sondern auch der ganzen Branche mit dem Geschäftsmodell „Keyword-Marketing”.
Obendrein wurden in Mountain View auch noch weitere „Kleinigkeiten” ganz subtil frisiert. Ist Google nun endgültig auf dem Weg, das Internet unter seine Fittiche zu ziehen – oder ist das alles nur die ganz normale Paranoia? Schauen wir mal nach.

Beginnen wir mit der AJAX-Search-Engine. Der Unterschied zum alten Verfahren ist scheinbar marginal – hat aber krasse Konsequenzen. Noch ist es nämlich so, dass eine Google-Suche nach „Verschwörungstheorien” dies als URL zurück liefert:
http://www.google.com/search?q=Verschwörungstheorien

Mit der AJAX-Variante sähe das nun so aus:
http://www.google.com/search#q=Verschwörungstheorien

Statt einem Fragezeichen also ein Doppelkreuz. Ja, und?
Das Problem: Solche Referrer-URLs ließen sich nicht mit mehr den bekannten Webanalyse-Tools nach Suchworten filtern, Zeichen nach dem „#” werden einfach abgeschnitten. Ein Online-Shop-Inhaber hätte damit also keine Chance mehr herauszufinden, nach welchem Produkt oder Feature jemand auf Google suchte und dann in seinem Laden aufschlug.

Erstmalig machte GetClicky auf diesen Umstand aufmerksam. Man könnte dies nun als Schmollen eines Mitbewerbers im Webanalyse-Tool-Sektor abtun – aber die „Fakten” sprechen doch eine andere Sprache.
Um dieser Geschichte ein wenig die Luft aus den Segeln zu nehmen, findet sich im Google-Blog schließlich diese lapidare Antwort:

„We’re continually testing new interfaces and features to enhance the user experience. We are currently experimenting with a javascript enhanced result page because we believe that it may ultimately provide a faster experience for our users. At this time only a small percentage of users will see this experiment. It is not our intention to disrupt referrer tracking, and we are continuing to iterate on this project.”

Kein Grund zur Panik also? Nicht ganz.
Der Markt würde fortan dominiert durch Googles Eigengewächs „Analytics” – welches natürlich die Suchworte vom „Großen Bruder” via Hintertür geliefert bekäme. Dies wäre in der Tat bedenklich – Google hat bereits ein Quasi-Monopol im Suchmaschinen-Segment und würde dies auf die Bereiche Webanalyse und Keyword-Marketing ausweiten.

Nimmt man dann so „banale” Dinge hinzu, wie die kürzlich geänderten Datenschutzbedingungen und auch die Tatsache, dass Google ungefragt von allen Googlemail-Nutzern ein Webprotokoll führt (man muss dieses Logging explizit in seinem Account deaktivieren!), dann überkommen einen mulmige Gefühle.
Okay, der Laden in Mountain View ist nicht die Wohlfahrt, sondern ein börsennotiertes Unternehmen, das wirtschaftlich arbeiten muss. Der Markt existiert jedoch in keinem luftleeren Raum, er ist eingebettet in einer gesellschaftlichen Ethik – sollte es zumindest sein.

Werden Monopole missbraucht, darf und muss man sie zerschlagen.
Das ist nicht erst seit Microsoft so.

EDIT: Das war übrigens unser 100. Artikel. Cheers!

Geschrieben von MIB \\ Tags: , , , ,

4 Kommentare zu “Kegelt Google die Konkurrenz weg?”

Tom sagt:

Das mit dem Doppelkreuz wäre doch recht einfach zu lösen, da muss man einfach nur das ? im Analystool-Quelltext durch ein # ersetzen. Ich habe aber irgendwo gelesen, dass bei der AJAX-Variante überhaupt kein Referrer übergeben wird. Da hilft dann auch das Quelltext Umschreiben nicht.

Tom sagt:

So, hab mich mal schlau gemacht. Der Referrer wird vom Browser übergeben und für den ist ab dem # Schluss, also kommt die Information nie auf dem Zielserver an.

MIB sagt:

@TOM: Richtig. Und noch mehr. Startest du eine AJAX-Suche zum Beispiel mit dem Begriff “trendpiraten” und gibst dann im Suchfeld “realiy bytes” ein, bleibt als Query-String dennoch “trendpiraten” erhalten — bei AJAX werden ja keine neuen “Seiten” mit Suchstring angefordert, sondern nur noch Javascript-requests an den Server geschickt. Kurz: Alles erfolgt auf einer “Seite”. Selbst wenn man den String nach dem Hash (#) loggen könnte – das Ergebnis wäre dennoch verfälscht.

Zusatz: Ich finde diese mögliche Datenkonzentration bei Google wirklich bedenklich. Als Szenario folgendes: Du hast ein Gmail-Konto, liest kurz deine Mails und meldest dich ordnungsgemäß ab — aber: Google hat längst ein Cookie gesetzt, das sämtliche weiteren Aktionen von dir (auch Mausbewegungen!) trackt. Alle Suchabfragen bei Google werden mit deiner eindeutigen ID verknüpft und in die Google-History geschrieben. Obendrein könnten all diese Daten von Google-Analytics ausgewertet werden. Und: Möglicherweise nur von Google-Analytics. Da entstünde also ein sehr gefährliches Datenmonopol, das ein mehr als detailliertes Profiling erlaubt. Schäuble wäre bleich vor Neid.

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